Boutique, 2014

16 paintings in three different sizes
two hanging rails, clothhangers, wallpaper

installation view: Centercourt, Munich, 2014

 

Die 1989 in Novosibirsk/Russland geborene und in München lebende und arbeitende Künstlerin Maria Justus geht in ihrer aktuellen Ausstellung unter dem Titel BOUTIQUE den Funktionsmechanismen der Kunstwelt und ihren Auswirkungen auf die allgemeine Rezeption von Kunst nach. In welchem Verhältnis steht der ideelle Wert eines Kunstwerks zu seinem Marktpreis und inwiefern bedingt er eine kundenorientierte Kunstproduktion? Ist eine ästhetische Erfahrung von Kunst in einem konsumorientierten Kontext möglich?

Bereits vor knapp zehn Jahren konstatierte die Kunsthistorikerin Isabelle Graw in einem Essay für Texte zur Kunst: „heute zählt nicht mehr die Sache an sich [das Kunstwerk], sondern die Frage, von wem sie wie verhandelt wird.“ Diese „Verhandlungsträger“ sind Institutionen wie Museen, Messen, Galerien, Kunstvereine und Auktionshäuser. Dabei fällt auf, dass sich die mediale Berichterstattung mehr und mehr auf Meldungen zu gigantischen Auktionsverkaufszahlen, Get-Together-Schnappschüssen berühmter Sammler, Schauspieler und Künstler auf großen Kunstmessen und einigen wenigen Veranstaltungen wie die Documenta in Kassel oder die Biennale in Venedig konzentriert. Dies lässt die Tendenz erkennen, dass sich der öffentliche Fokus vom Inhalt der Kunst und ihrem Erkenntnispotenzial immer mehr hin zum Kunstwerk als Ware oder Anlass für gesellschaftliche Zusammenkünfte verschiebt. Was heute also mehr denn je zu zählen scheint, ist weniger der ideelle Wert eines Kunstwerks, sein potenzieller Erkenntnisgehalt, als sein Tauschwert, also der Preis, zu dem es auf dem Markt verhandelt wird.

Diese Faktenlage nimmt Maria Justus zum Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Herangehensweise. Unter dem Titel BOUTIQUE verwandelt die Künstlerin den Ausstellungraum der CENTERCOURT GALLERY in eine fiktionale Modeverkaufsfiliale und verhandelt den ideellen Gehalt von Kunst in einem konsumkonnotierten Kontext. Bei allen gezeigten Arbeiten handelt es sich um seriell produzierte Aquarell-Unikate, die je Format ein spezifisches Motiv in verschiedenen Farben deklinieren und auf Kleiderständern mitten im Raum platziert sind. Justus thematisiert so das Kunstwerk als exklusives Massenprodukt und hinterfragt zugleich Motivation und Systematik, die zum Kunstkauf führen. Dies zeigt sich auch in der dekorativ gemusterten Tapete, mit der die Künstlerin eine komplette Ausstellungswand überzogen hat. Was auf den ersten Blick wie ein hübsches florales Muster auf grünem Untergrund anmutet, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als die collagierte und gespiegelte Picknickgesellschaft aus Edouard Manets Meisterwerk Frühstück im Grünen. Kunst als Wiederholung und Massenproduktion, die inszenierte Einmaligkeit ästhetischer Erfahrung durch mediale Vermittlung, berechnete Kreativität und kundenorientierte Kunstproduktion, das sind einige der Kernpunkte, die Maria Justus in ihren aktuellen Arbeiten thematisiert.

Der Künstlerin geht es dabei um eine Gegenwartsanalyse, die das Verhältnis von kontemporärer Kunst und der Wahrnehmung dieser im Rahmen ihrer aktuellen Bedingtheit durch Kunstmarkt und Medien untersucht.

Rosali Wiesheu